Wie mich das Schreiben Achtsamkeit lehrte

Schon immer war das Schreiben eine Art Ventil für mich. Für Gedanken aus tiefster Seele, die in der Hektik des Alltags keinen Platz fanden. Für mich dient das Sprechen nahezu ausschließlich dem Funktionieren in der Gesellschaft. Ich kann viel und pausenlos reden, doch dabei werde ich meinen Gefühlen und Gedanken niemals so nahe sein wie beim Schreiben. Wenn ich schreibe, trete ich hauptsächlich in Kontakt mit mir selbst, höre mir zu, verstehe und sortiere. Mit einer ganz ehrlichen Sprache, die von Herzen kommt. Während ich beim Reden, überwiegend mit anderen Menschen in Kontakt trete, mitteile und Beziehungen pflege. Meist mit der Angst behaftet, stumme Erwartungen nicht zu erfüllen.

Mein Schreiben erzeugt Tiefe, die ich sprechend nie erreichen werde.
Schreiben bedeutet für mich hinsehen.

Achtsames Schreiben

Während die stille Meditation zum Beispiel über die Beobachtung des Atems zur Ruhe führt, setzt das Schreiben ein gewissen Maß an gezieltem Denken voraus. Dennoch lassen sich damit Beruhigung und geistige Sammlung erzielen wie es mithilfe einer Meditation möglich ist.
Während des achtsamen Schreibens lasse ich die Gedanken vorüberziehen, schreibe sie mir von der Seele, werde mir ihnen bewusst und bringe sie in eine Form, die für mich stimmig erscheint. Ich fühle in mich hinein und reflektiere. Manchmal löst sich während des Prozesses ein Knoten und ich spüre wie sich Körperempfindungen und Gefühle in mir verändern oder verändern lassen. Und ich nehme es wahr. Anschließend wird der Lärm in meinem Kopf leiser. Die Gedanken, die ich vor dem Aufschreiben zwanghaft festzuhalten versuchte, können nun im besten Fall einfach weiterziehen und friedliche Stille kehrt ein. Oft gehe ich an diesem Punkt in die stille Meditation über.
Doch dies gelingt nicht immer. Je aktiver ich versuche, zu schreiben, desto mehr gerate ich in endlose Gedankenkreise.

Schreiben als Meditation

Das Schreiben lässt sich jedoch auch gezielt als Meditation nutzen. Doch darauf möchte ich nicht näher eingehen. Mehr dazu findest du hier: http://schreibenwirkt.de/schreibmeditation/

Schreibend den Tag abschließen

Viele Menschen schreiben ausführlich Tagebuch, ich hingegen stelle mir jeden Abend drei wichtige Fragen, die ich stichpunktartig in mein Buch notiere.

Was war heute schwierig?
Was hat mir geholfen, diese schwierige Situation zu bewältigen oder dieses leidvolle Gefühl zu kontrollieren, zu verändern oder auszuhalten?
Wofür bin ich heute dankbar?

Blogbeitrag3
Ausschnitt aus meinem Achtsamkeitstagebuch

Kennengelernt habe ich diese Art von Tagebuchführung durch die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), die zur Behandlung der Borderline Persönlichkeitsstörung angewandt wird. Sie basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie, umfasst jedoch auch fernöstliche Meditationstechniken und lehrt den achtsamen Umgang mit sich selbst und anderen. Ein Konzept von diesem meiner Meinung nach auch psychisch gesunde Menschen profitieren können.
Im Laufe der Therapie lernt man die Diary Card kennen. Eine Art achtsamen Tagesrückblick zur Einordnung der Gefühle, des eigenen Problemverhaltens und dem Umgang mit diesem.

Da ich mich in meiner Lebensführung langsam von meiner Erkrankung und der Therapie lösen möchte, gestaltete ich mein ganz persönliches Achtsamkeitstagebuch wie es oben zu sehen ist.

Die Blickrichtung ändern

Seit ich dieses Tagebuch führe, hat sich meine Blickrichtung auf das Leben entscheidend verändert. Was anfangs ungewohnt und falsch erschien, ist mittlerweile zu einer angenehmen Gewohnheit geworden. Früher konzentrierte ich mich auf den Schmerz und das Leiden in meinem Leben. Wenn ich abends auf den Tag zurück blickte sah ich meine Fehler, schmerzhafte Erlebnisse und Dunkelheit. Ich verfing mich in meinen Gefühlen und Gedanken, unfähig und unwillig sie zu kontrollieren.

Heute sehe ich auch das Licht in der Dunkelheit, denn ich nehme mir jeden Abend die Zeit dafür, es bewusst zu sehen.

Ich erinnere mich an das Gefühl, morgens aufzuwachen und zufrieden wieder die Augen schließen zu können, weil mir bewusst wurde, dass ich heute ausschlafen kann. Ich erinnere mich an die staunenden Augen eines Kindes, das durch die wirbelnden Schneeflocken tanzte. Ich erinnere mich an die warmen Sonnenstrahlen, die mich wärmten und an die Stille, die ich während der Meditation erfahren durfte. Ich erinnere mich an die lieben Worte eines Freundes, den ich sehr schätze und an das herzhafte Lachen während des Trainings. Und ich schreibe es auf. Ich beachte sie, sehe hin und schätze sie wert. Ich gebe den kleinen besonderen Dingen in meinem Leben, die ich früher einfach übersah oder als selbstverständlich hinnahm, ein Gewicht. Und es wärmt mich. Es gibt mir Kraft. Das Vertrauen, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben und den Lebensmut, ihn weiterzugehen. Es zeigt mir, dass das Leben schön sein kann, wenn ich genau hinsehe. Irgendwie lebenswert.

Wenn du nie den Blick für einen kleinen Sonnenstrahl verlierst,
wirst du jede Kälte überstehen.

Doch ich sehe nicht nur das Licht, ich sehe auch den Schmerz. Nur beschränke ich mich nicht mehr ausschließlich darauf dieses leidvolle Gefühl zu fühlen, sondern versuche konstruktiv damit umzugehen. Etwas Gutes daraus zu machen. Das mag mir nicht immer gelingen und das ist okay. Wichtig ist nur, immer wieder zu einer lebensbejahenden Grundhaltung zurückzukommen, ehrlich mit mir zu sein und mir auf Dauer nicht noch mehr Schmerzen zuzufügen. Auch der Schmerz hat seine Daseinsberechtigung und seinen Sinn. Ohne ihn würden wir nicht wachsen.

Durch dieses ehrliche Hinsehen – was mir mithilfe des Schreibens oft gelingt –  und das tiefe In-mich-hinein-fühlen lerne ich mich kennen. Mich, mein Verhalten, meine Gefühle und Gedanken und den Antrieb meines Handelns. Und ich versuche immer öfter vor dem Hintergrund der buddhistischen Lebensphilosophie einen Umgang damit zu finden.

Warum schreiben?

Wer jetzt denkt, all das könne man doch auch gedanklich machen, ohne es schriftlich festzuhalten: Ja, kann man. Ich persönlich drifte gedanklich aber schneller wieder in alte Denkmuster ab und bevor ich etwas erkennen kann, ist der Gedanke schon wieder weg. Deshalb bevorzuge ich das Schreiben. Denn das verlangsamt und gibt mir mehr Zeit. Außerdem kann man seine Sichtweise zu den aufgeschriebenen Gedanken, die schon eine Weile zurückliegen, noch einmal überprüfen. So lassen sich leichter Veränderungen feststellen.


Es ist ein anstrengender Weg auf dem man ständig sich selbst gegenüber steht und dazu gezwungen ist, sich in die Augen zu sehen. Aber er bringt viel Schönes mit sich. Er führt zu einer guten Selbstreflexion, innerer Unabhängigkeit, Stabilität und mehr Zufriedenheit.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. sophie0816 sagt:

    ich habe dich total gerne gelesen und mich auch wieder erkannt. ❤

    Gefällt 1 Person

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